Donnerstag, 24. Juli 2008

Heimlich, still und leise

Die Volkskrankheit der modernen Zivilisation heißt Burnout. Der stille und schleichende Verlauf dieser Krankheit führt jährlich in Unternehmen zu Milliardenverlusten, da qualifizierte Mitarbeiter von heute auf morgen einfach wegfallen und nicht ersetzt werden können.
Viele denken, es sei eine Krankheit von Managern und „Älteren“, weit gefehlt. Immer mehr junge Leute fallen dem Burnout zum Opfer. Woher ich das weiß, aus eigener Erfahrung zum Beispiel. Es ist erstaunlich, wie wenig Menschen darüber sprechen, dass sie da durch sind. Es wird schnell gleichgesetzt mit nicht mehr ganz richtig im Kopf, weil einige zum Psychologen gehen, um sich helfen zu lassen.
Ich möchte offen über meine Erfahrungen sprechen, um vielleicht Unwissenden helfen zu können.
Es war eigentlich abzusehen, dass ich irgendwann zusammen klappe. 1 ½ Jahre Mobbing in der eigenen Abteilung, vom eigenen direkten Vorgesetzten waren mein Tor zur zerstörte Psyche.
Wenn man in der Situation steckt, dass der Chef darüber Händchen mit besagtem Mobber hält und die Dame von der Personalabteilung auch eine heulend zusammenbrechende Frau, die sich nie hat was zu schulden kommen lassen hat, als verrückt abstempelt, dann ist es Zeit zu gehen.
Mir kam ein interner Wechsel hier zuvor, doch der offenbarte erst, was schon alles im Argen war. Der tägliche Angstadrenalinspiegel war plötzlich weg und der Körper konnte nun loslassen und offenbaren, dass vieles nicht ok war.

Ich stand vor der Entscheidung, bleiben und weiter an das was war täglich erinnert werden oder gehen. Doch ganz ehrlich in dem Zustand war es der denkbar schlechteste Zeitpunkt in die Selbständigkeit zu gehen, doch ich tat es.

Die anfängliche Folge waren herbe Rückschläge, Existenzängste, Depressionen und eine völlig fehlende Motivation.

Wie ich wieder hoch gekommen bin: Menschen, die an mich glaubten und mir wieder die Kraft gaben auch an mich zu glauben und wieder mit dem Mut und der Zuversicht an meine Zukunft zu gehen wie vorher. Ich habe meine Ziele wieder fokussiert und lerne jeden Tag aufs Neue, dass ich mich nicht mehr von anderen stressen lassen darf und möchte. Alles braucht seine Zeit ;)

Vor allem: Trennen Sie sich von Menschen, die Ihnen den Rest Energie nehmen, den Sie haben. Davon gibt es mehr als Sie denken. Vermeintliche Freunde, sogar Familienangehörige in manchen Fällen. Ich habe diese Energiefresser aus meinem Leben verbannt, es hat geholfen.

Die Zwölf Phasen des Burnouts und deren typische Aussagen (nach Slatco Sterzenbach):
(testen Sie sich selbst, bevor es zu spät ist!)

1) Zwang, sich etwas zu beweisen
„ich bin der Einzige, der das kann“ „das schaffe ich auch noch“

2) Vermehrte Aktivität
„So ein paar Überstunden haben doch keinem geschadet“ „dann arbeite ich heute eben länger“

3) Vernachlässigung eigener Bedürfnisse
„Ich habe heute keine Zeit fürs Essen“ „Wenn ich heute nur 5 Stunden schlafe, schaffe ich das noch in der Zeit“

4) Erschöpfung und erhöhter Energieeinsatz
„Abends falle ich tot ins Bett“ „Mir fallen alltägliche Dinge schwer.“

5) Beobachtbare Verhaltensänderungen
„Jetzt stellen Sie sich mal nicht so an“ „kann ich nicht mal meine Ruhe haben?!“

6) Verleugnung von Problemen, Werteumdeutung
„Es wird nach dem Projekt alles besser“ „Das Grillen am WE hat mich eh immer genervt“

7) Rückzug, reduziertes Engagement
„Am WE will ich meine Ruhe“ „Einfach nur noch fernsehen“

8) Erhöhte Ansprüche an andere
„Meine Freunde können sich doch auch mal melden“ „Arbeitet mal so viel wie ich dann versteht ihr mich auch“

9) Abbau der kognitiven Fähigkeiten
„Ich komme einfach nicht mehr weiter“ „Ich schlafe schlecht und kann mich nicht konzentrieren“

10) innere Leere, Einsamkeit
„Ich fühle mich so leer“ „was macht das alles noch für einen Sinn?“

11) Psychosomatische Reaktionen, Depressionen
„Ich habe Tinnitus“ „Ich habe keine Motivation mehr“ „Ich wälze nur noch negative Gedanken hin und her“

12) Verzweiflung
„Wozu lebe ich überhaupt?“ „Ich weiß nicht mehr weiter“

Können Sie sich irgendwo wieder finden, dann suchen Sie einen Arzt Ihres Vertrauens auf und erzählen Sie, wie es Ihnen geht. Nur wer drüber spricht, kann sich helfen.

Mir geht es wieder gut, ich arbeite keine 18h mehr und genieße meine Freizeit, wo ich nur kann, denn auch als Selbständige darf man Freizeit haben und diese genießen.

Und wenn Sie gemobbt werden:
schreiben Sie alle Vorfälle penibel auf, Formulierungen, Uhrzeit, Zeugen. Versuchen Sie Aussagen per mail o.ä. zu erhalten. Mit einem solchen Mobbing Tagebuch haben Sie eine gute Chance gegen solche Menschen vorzugehen. Und wenn Sie Angst haben, zu jedem Gespräch nur noch mit BR Mitglied, das hilft!
1 1/2 Jahre sind zweifelsohne zu lange und haben Ihren Tribut gezollt, lassen Sie sich nicht so lange fertig machen, handeln Sie früher!!

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4 Kommentare:

Am/um 24. Juli 2008 23:55 , Anonymous Anonym meinte...

Liebe Frau Brablec,

ganz großen Dank und Anerkennung für Ihren Mut und Ihre offenen Worte!

Sicherlich ist es noch sehr sehr vielen Menschen und Lesern ähnlich gegangen, die sich allerdings niemals trauen würden ihre Erlebnisse zu veröffentlichen, obwohl sich eigentlich die Mobber verstecken sollten - und nicht die Opfer, denen Sie mit Ihrem Artikel viel gegeben haben.

 
Am/um 25. Juli 2008 16:32 , Anonymous Anonym meinte...

Seien wir doch mal ehrlich: Burn out betrifft überwiegend die Leute, die mit ihrem Job geistig überfordert sind, in der Karriereleiter stecken geblieben sind und nicht wissen, was sie alternativ machen können oder auf Statussymbole nicht verzichten wollen. Zuerst kommt in der Regel: falscher mitarbeiter am falschen arbeitsplatz.

 
Am/um 28. Juli 2008 09:26 , Blogger Carmen Brablec meinte...

Danke für Ihren Kommentar.

Es ist schade, dass wir hier von "Mut" sprechen müssen. Wenn ich über ein gebrochenes Bein, eine Bronchitis oder ähnliches spreche, dann sieht es keiner als mutig an. Das spiegelt die Denkweise der meisten wieder. Es ist etwas, wofür man sich schämen muss, immer noch, in unserer Gesellschaft.
Es wird als Krankheit der Workoholiks, der Menschen, die nie genug bekommen können angesehen, das ist völlig falsch.

 
Am/um 28. Juli 2008 09:35 , Blogger Carmen Brablec meinte...

Zu dem zweiten Kommentar möchte ich sagen, "mal ganz ehrlich" Sie haben es nicht verstanden.
Solche Aussagen ärgern mich persönlich, da es genau diese Menschen sind, die dazu beitragen, dass nicht offen über Gründe und Hilfen gesprochen wird, weil man Angst hat, als "fehl am Platz" abgestempelt zu werden.

Arbeitsplätze werden nicht von den Bewerbern falsch besetzt,sondern von den Arbeitgebern. Diese sind es aber auch, die MA bis zum aller letzten Bischen aussagen, denn " jeder ist doch heute ersetzbar, es gibt viele, die Deinen Job machen können" mit dieser Angst im Nacken, gehen Menschen über ihre Grenzen. In Firmen, in denen Mensch nur noch HUMAN RESOURCE ist und eine Nummer und kein Mensch mehr, der seine Grenzen hat.
Glauben Sie mir, ich kennen eine Menge Menschen, die ein Burnout hinter sich haben, und keinen Statussymbolen hinterherjagen oder "steckengeblieben" sind, im Gegenteil.

Legen Sie Ihre Stereotypen ab, und die Welt wird wieder interessant und neu!!

 

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